Kirche für alle!?
Angestoßen durch die Bewegung Maria 2.0 hat sich 2019 in unserer Kirchengemeinde St. Nikolaus Karlsruhe eine Gruppe von Frauen gefunden, die sich darüber Gedanken macht, welche Beteiligungsmöglichkeiten Frauen in der Kirche haben und wie Menschen unserer Gemeinde über dieses Thema denken. Die Gruppe beschäftigt sich grundsätzlich mit der Frage, ob die Kirche aktuell eine für alle ist und wie sie (noch mehr) zu einer Kirche für alle werden kann.
Weitere aktive Menschen sind herzlich willkommen mitzugestalten. Wenden Sie sich für die Kontaktaufnahme bitte an das Pfarrbüro.
Wie es anfing
Mit einem sogenannten Schreib-Gespräch war zunächst herauszufinden, welche Wünsche, Fragen und Ideen es in St. Nikolaus gibt. Nach den Sommerferien 2019 stand dafür in jeder Kirche unserer Kirchengemeinde eine Stellwand mit diesen Fragen: „Welche Erfahrungen habe ich als Frau / Mann / Mitglied einer bestimmten Gruppe in der Kirche gemacht?“ „Was wünsche ich mir von der Kirche?“ „Wo spüre ich Gleichberechtigung in der Kirche?“ „Wo ist mir die Kirche Heimat?“ „Wo ist sie es nicht?“ Welches Frauenbild habe ich?“ „Welches Frauenbild wünsche ich mir von der Kirche?“ „Welches Frauenbild sehe ich in der Kirche?“ „Was denke ich über die Ideen, die von Maria 2.0 ausgegangen sind?“ Viele Gemeindemitglieder nutzten nach den Sommerferien 2019 die Gelegenheit, sich an dem Schreibgespräch zu beteiligen.
Was schon stattfand
Im September 2019 gab es im Gemeindehaus Christkönig einen ersten Gesprächsabend. Die Teilnehmenden waren eingeladen, die Stellwände zu betrachten und zu notieren, was sie davon ansprach, und sich anschließend darüber auszutauschen. Ideen für Veränderungen im kirchlichen Alltag vor Ort wurden gesammelt, darunter u. a. mehr neue geistliche Lieder im Gottesdienst, regelmäßige Fürbitten zur Thematik, Predigten von Frauen/Menschen der Gemeinde, Überdenken von Sprache und Gestik im Gottesdienst. Für eine Vortragsreihe gab es verschiedene Themenwünsche, z. B. „Warum werden nur Männer zu Priestern geweiht? (historisch-theologische Sichtweise)“, „Wie fördern wir Gemeinschaft in unseren Gemeinden?“.
Um den Wunsch nach mehr Raum zum Kennenlernen und Zuhören zu erfüllen, gab es im November 2019 einen „Erzählabend“ in der Bücherei St. Elisabeth. Für den Einstieg in den Abend stellten die Gewinnerinnen des Förderpreises beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2018/2019 - Schülerinnen des Bismarck-Gymnasium und aus unserer Kirchengemeinde – ihre Arbeit mit dem folgenden Titel vor: „Mädchen im Aufbruch - Kirche in der Krise? Die ersten Ministrantinnen in der katholischen Kirche“. Danach hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, darüber zu berichten, welche Erfahrungen sie als Frauen bzw. welche sie mit / ohne Frauen in der Kirche gemacht haben.
Um auch im Folgejahr weitere Gelegenheit zum Austausch und zur Auseinandersetzung mit dem Thema zu geben, fand im März 2020 ein Abend zur Hl. Klara von Assisi statt. Pfr. H.-J. Krieg skizzierte in seinem Vortrag das Leben der Hl. Klara und ihre Bedeutung damals und heute. Die Teilnehmenden kamen danach ins Gespräch: „Was lerne ich von Klara von Assisi für meine Vision vom Kirche-Sein heute?“ „Und was brauche ich, damit sie Wirklichkeit werden kann?“
Die nächste Veranstaltung fand im Juni 2021 statt. Die Gruppe beschäftigt sich grundsätzlich mit der Frage, ob die Kirche eine für alle ist, und daher auch mit der Frage nach der Begrenzung und den Vorgaben rund um das Priesteramt. Hierzu zählt auch der Zölibat. Frau Prof. Dr. Ursula Schumacher, Professorin für Katholische Theologie und Religionspädagogik an der PH Karlsruhe, hielt den Vortrag „Um Himmels willen ehelos? Der Zölibat – Geschichte und Debatte“, der die Argumente für und gegen den Zölibat beleuchtete.
Im gemeinsamen Austausch war auch die Frage nach unseren Gottesbildern aufgekommen – wie sie entstanden sind und wie wir sie weitergeben möchten. Für die Gestaltung eines Themen-Abends im Juli 2021 konnte Frau Annette Traber gewonnen werden, Referentin und Leiterin des Exerzitienwerks am Geistlichen Zentrum St. Peter. Beginnend mit der Geschichte „Gott ist eine Frau und sie wird älter“ verknüpfte Frau Traber diese mit der Deutung des Alten Testaments. Im Kirchenraum waren Stationen zu bestimmten Gottesbildern vorbereitet (z. B. Vater, Richter, Gärtner, Fels), ergänzt mit biblischen Zitaten, die die jeweiligen Attribute beschrieben. Die Teilnehmenden waren eingeladen, sich beim Betrachten mit eigenen Gotteserfahrungen/-bildern auseinanderzusetzen. Der anschließende Austausch beschäftigte sich mit den Fragen: „Wie möchten wir unsere Gottesbilder weitergeben?“, „Wie über Gott sprechen?“, „Verändert die Sprache die Vorstellung?“, „Verändert die Kirche die Sprache?“.
Die Problematik der Beteiligungsgerechtigkeit für Frauen in der röm.-kath. Kirche hatte rund fünfzig Personen motiviert, die Analyse aus Sicht der Dogmatikerin zu verfolgen. Ihren einstündigen Vortrag gliederte Frau Prof. Rahner in sieben sog. Schlaglichter: Schlaglicht 1: „Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen.“ Schlaglicht 2: „Die Frauenfrage ist keine Frage wie andere Fragen.“ Schlaglicht 3: „Ja, die Katholische Kirche hat ein Frauenproblem – und das schon eine ganze Weile.“ Schlaglicht 4: „Wenn Kirche in der Krise ist, sind auf einmal Frauen gefragt.“ Schlaglicht 5: „Donna Quichota? Warum für Frauen in kirchlichen Ämtern zu kämpfen, manchmal einem Kampf gegen Windmühlen gleicht.“ Schlaglicht 6: „Frauen und Kirche oder: Hilft eigentlich die normative Kraft des Faktischen?“ Schlaglicht 7: „Was passiert, wenn nichts passiert.“ Auf informative und unterhaltsame Weise beleuchtete die Theologin Ursachen und Argumente. Nach ihrer abschließenden Vorausschau stand Prof. Rahner für Fragen und Kommentare aus dem Publikum zur Verfügung, und es entstand eine angeregte Diskussion.
Unser Fazit: Der Abend hat sich gelohnt. Wir haben eine hochkarätige Theologin erlebt, die brillant formuliert und dabei ihren Zuhörenden zugewandt und in aller Offenheit begegnet. Die wissenschaftliche Expertise hat eindrucksvoll und für uns Frauen ermutigend belegt: Die Argumente liegen seit Jahrzehnten auf dem Tisch. Die nächsten Schritte sind klar. Und die Kirchenmänner, die sie gehen müssen, sind uneins und kleinmütig. Es ist Zeit, dass sich 'was ändert.
Die Initiatorinnen freuen sich über Mitarbeitende und Ideen zum Thema „Beteiligungsmöglichkeiten von Frauen in der Kirche“ sowie weitere Themenvorschläge, die die Frage, ob die Kirche eine Kirche für alle ist, beleuchten.
Barbara Geist, Imke Gries, Ute Kleine, Bettina Schäffer (Stand: Januar 2023)